Die Balance

„Willkommen zurück“, grüßt die Social Media Plattform unserer Wahl nach dem Login. Juhu, ich freue mich auch. Nach einem kurzen Blick in den Postkasten kann ich es kaum erwarten, den Stream und die Beiträge von Menschen zu sehen, die ich kenne oder auch nicht kenne. Die zitierte Blase menschlich-sozialer Umgebung weiß, wie sie UserInnen warm und herzlich empfängt.

Mit der Herzlichkeit ist es dann allerdings auch sehr schnell vorbei. Kaum ist man über die Familien- und Katzenbilder hinaus, steckt man mittendrin im verbalen Schlagabtausch verschiedener Menschen und Interessen, die sich mit ihren Kommentaren in einem Wettbewerb der Steigerungen zu befinden scheinen, wer hier denn am spektakulärsten durchzudrehen vermag.

Einzelne Menschen oder Menschengruppen werden bepöbelt, diffamiert, verleumdet und bedroht. Alles auf einer Ebene, wo die Menge der NutzerInnen darum herum kaum noch einen Aufschrei des Entsetzens und der Ablehnung erwidert. Wie kann es als stetig „normaler“, also akzeptierter betrachtet werden, sich in diesen digitalen Räumen und darüber hinaus im analogen Leben so aufzuführen?

Menschen verlieren die Hemmungen, Verwünschungen bis hin zu rüden Attacken der untersten Schublade mit ihrem Klarnamen versehen an andere zu verschicken oder sichtbar zu machen. Wie bringt jemand die Idiotie zustande, so zu denken, sich so etwas möglicherweise tatsächlich zu wünschen und darüber hinweg mit verächtlichen Hassbotschaften an die Öffentlichkeit zu gehen?

Wir müssen diese Entwicklung stoppen und umkehren! Es ist ein Thema, das die ganze Gesellschaft ebenso betrifft wie der Klimawandel. Wir müssen uns wieder die Anerkennung dafür erkämpfen, humanistische Zurückhaltung an den richtigen Stellen zu vermitteln und Menschen davon zu überzeugen, dass der Dialog dem niederen Pöbeln, dem unsachlichen Angreifen vorzuziehen ist.

Es ist oftmals das Reflektieren mit dem Umgang, den man für die eigenen Liebsten und sich selbst als akzeptabel empfindet, wo das Maß im Umgang Dritten gegenüber wieder halbwegs im Lot steht. Wer nicht will, dass ein Mitglied der eigenen Familie verschleppt, auf dem Mittelmeer ausgesetzt, geschändet, massakriert wird oder ähnliches, sollte dies auch niemandem Fremden wünschen.

Weder einem Menschen mit anderer Herkunft oder Sprache noch dem Nachbarn, der immer so eng an der Parkplatzlinie parkt bis hin zum Präsidenten irgendeines Landes, auch wenn dieser selbst nicht besser ist. Das exemplarisch schlimmste Benehmen Einzelner oder einer Gruppe kann niemals ein erstrebenswerter Maßstab sein, wie man selbst denkt oder sich anderen gegenüber aufführt.

Wie radikal Menschen in Sekunden anhand weniger Eindrücke den Wortschatz wechseln und in hasserfüllte Sprache verfallen, die kaum mehr eine Grenze von Respekt, Behutsamkeit und Rücksicht vor dem körperlichen und geistigen Wohl anderer erkennen lässt, ist aus dem Ruder gelaufen. Hält man diesen Verfall an Anstand, Moral, Solidarität und Mitgefühl nicht auf, was dann?

Die Menschheit hat es sich hart erarbeitet, möglichst zivilisiert in unseren Gesellschaften miteinander umzugehen. Unter Berücksichtigung beeinflussender Faktoren und Verhältnisse kann das auch weiterhin so sein, wenn ausreichend Menschen davon überzeugt sind und es ausleben. Die Antwort auf diese Entwicklung hat unglaubliche Energie, wenn wir es zulassen und mitmachen!

Wenn wir es vorleben, dass es eben nicht erstrebenswert ist, die Person mit dem vernichtendsten Kommentar in dieser oder jener Liste zu sein. Wenn wir mit Argumenten zeigen, was wir meinen und nicht dem niedersten Bauchgefühl freie Bahn lassen. Wenn wir uns am Ende des Tages erinnern, dass die Worte „Menschheit“ und „Menschlichkeit“ sehr viel Gemeinsames in sich tragen.

Ein Kommentar aus der Reihe Immer wieder sonntags von Frank Ramson vom 28.07.2019.