Was wir haben

In einer Redewendung heißt es, der Mensch glaubt, was er sieht. Das, was man anschauen und bestenfalls sogar anfassen oder mit weiteren Sinnen erfassen kann, empfinden wir eher als überzeugend als nicht weltliche oder schlicht nicht so einfach sicht- oder greifbare Dinge. Dementsprechend gleicht unser Gehirn gerne ab, was uns bekannt ist und was nicht.

Denn wir wollen Dinge gerne verstehen, so ist der Mensch halt. Meistens zumindest. Bei manchen Themen mehr als bei anderen. Dreht es sich um Inhalte außerhalb des eigenen Wohlfühlens, kann es allerdings schon mal unübersichtlich werden mit dem Verstehen. Erst recht, wenn es unangenehme Themen sind, die man nicht so einfach sehen oder anfassen kann.

Denn vielleicht will man das ja auch gar nicht. In einem Film habe ich mal das Zitat aufgeschnappt „Unwissenheit ist ein Segen“. Fragt sich nur, für wen? Wir können es uns bei sehr vielen Themen ansehen, wenn wir denn genau hinsehen wollen. Zweifellos verausgaben wir uns hier eher auf der Ebene von Vorstellungen als auf jener von Greifbarem wie Gegenständen.

Nehmen wir die Massentierhaltung. Klar finden es irgendwie alle schlimm, dass es so etwas gibt. „Schrecklich“, sagt der wenig auf die Herstellung seines Gerichts fixierte Gast, der im Restaurant das Schweinenackensteak verspeist und beim Thema Schweinehochhaus nicht stutzig wird, welche Industrie er da eigentlich selbst gerade unterstützt.

Beim Rinderburger im Fast-Food-Restaurant oder an der Sushi-Bar ist es nicht viel anders. Kommen im Gespräch Begriffe wie Antibiotika, Methan-Problem oder Gewässerbelastung auf den Tisch, sucht der Verstand den kürzesten Ausweg zum gedanklichen Happy End. Lächelnder Hausarzt, unterirdisch hervortretende Gase zerbrechen Felsen, Feen-Glitzer im Wassergraben. Verstanden, erledigt, guten Appetit.

Doch leider ist es ja eben nicht so einfach. Der Strom kommt nicht aus der Steckdose und wenn man nicht genauer hinguckt, hat man keine Ahnung, wie belastet die Nahrung ist, die man sich einverleibt und ebenso, welchen Schaden das insgesamt anrichtet. Gibt es Workshops zugunsten unverfälschter, ehrlicher Wahrnehmung? Es sollte welche geben.

Auch der Klimawandel ist weder so richtig greifbar noch für viele von uns in Deutschland leicht verständlich. Und doch – sieht man Kundgebungen wie zuletzt durch die Bewegung Fridays For Future, wo sich Kinder unter 10 Jahren von Brücken abseilen (lassen), um für ihre Zukunft zu protestieren, sollte uns zumindest dämmern, dass wir manche Blickwinkel viel zu sehr vernachlässigen.

Denn die Gefahr für zukünftige Generationen durch den Klimawandel ist sehr viel höher und bedeutender als die Gefahren für Einzelne bei solchen Kundgebungen. Es ist sprichwörtlich das Ende der Welt, wie wir sie kennen, das uns droht und das jungen Generationen sehr präsent ist. Wir, die älteren Generationen, haben damit jedoch ein Wahrnehmungs- und Akzeptanzproblem.

Andere sollen wichtiger sein als wir selbst. Für manche Menschen schwer zu verkraften, doch nicht unüberwindbar. Wir erkennen große Zusammenhänge nicht, weil der egoistische Blick das Bild überlagert. Ist leider so. Müssen wir draus lernen, auch wenn es schwer fällt. Denn unsere Wunsch-Realität voller Fake-Gewissheiten hat ihre Zeit bereits überdauert. Wir müssen genauer hinsehen, wie die Realität tatsächlich aussieht und was wirklich zu tun ist!

Ein Kommentar aus der Reihe Immer wieder sonntags von Frank Ramson zum Thema Scheinrealitäten, 30.06.19.