Die gute Hilde

Neulich ging ich von der Arbeit nach Hause, als mir eine junge Frau mit dem Fahrrad entgegen kam. Nennen wir sie mal Hilde. Die Gute fuhr wie eine wilde Hilde, ging dann allerdings in die Eisen und blieb am Straßenrand ein Stück weit vor mir stehen und sah mich fragend an. Zuerst war ihr mein Hut aufgefallen, wie sie später sagte, doch das sollte nicht alles sein.

„Bist du nicht der von den Linken?“ fragte sie mich und lächelte. Was das Lächeln, also der Ausdruck des Lächelns wohl zu bedeuten hatte, konnte ich noch nicht recht einschätzen. Doch es machte mich neugierig. Ich stellte mich ihr vor. Denn ja, auch wenn ich nicht „der“ von den Linken bin, bin ich doch definitiv „einer“ von ihnen. Das fand Hilde ganz spannend, denn sie hatte Fragen an mich.

Eigentlich mag sie ja die Linken wegen der sozialen Themen, das schickte sie vorweg. Doch dass wir den Menschen die Häuser unter dem Hintern weg enteignen wollen, würde sie nicht so gut finden. Neuerdings käme dies auch von den Jusos. Von dieser ersten, steilen These war ich überrascht, denn die gute Hilde hatte da wohl etwas falsch verstanden.

Wir Linke sprechen darüber, Miethaien beizukommen um zu verhindern, dass aus der Vermietung von Lebensraum zukünftig ein inhumanes Ausbeutergeschäft gemacht wird. Es ist nicht cool, Familien, Alleinstehenden und Senior*innen diese Preise auf Anschlag zu diktieren und erst recht nichts, wo man im Nachgang mit der Rendite prahlt und nebenbei 90-Jährige auf die Straße wirft.

Wenn die Vonovia´s und Co. das nicht verstehen wollen, hilft am Ende wohlmöglich nur die Überführung dieser Lebensräume an kommunale Genossenschaften gegen entsprechende Entschädigungen an die Wohnungsbaugesellschaften. Nebenbei gesagt, das fiel dann auch Hilde auf, passte ihr Beispiel eher zu einer Enteignung von Privatbesitz durch öffentliche Hand wegen z.B. Autobahn-Ausbauten.

Das nächste Thema, das Hilde unter den Nägeln brannte, war Antisemitismus. Dieser sei ja in der Linken weit verbreitet. Diese These empfand ich als noch überraschender als die Erste. Doch auch hier war Hilde vielleicht einfach nur bedauerlich wenig informiert. Die Linke verbreitet keinen Antisemitismus, im Gegenteil. Wir respektieren Menschen gleich ihrer Herkunft und Religionen.

Weiter kam sie auf die Kommentare Einzelner, sei es auf dem Social-Media-Kanal mit dem F oder die große Video-Plattform mit dem Y. Und wie es so ist in ungeschickten Momenten oder mit aus dem Zusammenhang gerissenen Satzteilen, kann man sicherlich dieses oder jenes so oder so interpretieren, wenn man das möchte. Doch ist das dann auch wirklich aussagekräftig?

Eher nicht. Ich empfahl ihr, sich wie bei einem Hausbau zuerst das Fundament anzusehen, die Basis. Dann von unten nach oben. Von der Website des Kreisverbands mit lokalem Themenbezug über den Landesverband Schleswig-Holstein bis hin zur Website www.die-linke.de und natürlich dazu ein intensives Studium unseres Parteiprogramms. Sie sagte mir zu, es sich anzusehen.

Die gute Hilde wirkte jetzt sehr fröhlich und verriet mir vor dem Abschied, dass sie eigentlich unpolitisch sei oder das zumindest von sich dachte. Doch wegen so vieler Dinge wäre es an der Zeit, sich zu engagieren. Zu viele Menschen würden zu gleichgültig auf Entwicklungen reagieren und für sie selbst komme das nicht mehr als Option infrage.

Darüber freute ich mich und lud die gute Hilde ein, uns im Linken Zentrum Bauerweg zu besuchen. Damit sie sich vor Ort überzeugen kann, wer wir sind und wofür wir einstehen. Dass es auch für sie eine gute Sache ist, sich mit und bei uns zu engagieren. Für eine starke Linke, die für faire Mieten, gegen Diskriminierung und für mehr Gerechtigkeit in unserer Gesellschaft kämpft.

Ein Kommentar aus der Reihe Immer wieder sonntags von Frank Ramson, 16.06.19.