Erst prüfen, dann erledigen.

Manche Dinge können im Leben so einfach sein. Auftragen, polieren. Wer mal Karate Kid gesehen und Mr. Miyagi diese Worte hat sprechen hören, kann sich genau vorstellen was gemeint ist. Es klingt zugleich ein wenig nach der Bearbeitung von Dokumenten. Erst prüfen, dann erledigen. Wie unvorteilhaft sich dieses so gewöhnlich klingende Prozedere auswirken kann, wollen wir anhand zweier aktueller Beispiele betrachten.

Teil 1: Schöner töten.

Das ist der Titel eines stark geschriebenen taz-Artikels zum Tierwohl-Label. Dazu zunächst eine These: Tiere sind empfindsame Wesen. Wer das nicht anerkennt*, hat vergessen oder verdrängt, dass sich der Mensch als höheres Säugetier aus der Ordnung der Primaten zwar als Mensch bezeichnet, doch damit nur den Teil zuoberst der biologischen Kette der Tiere in der Gegenwart beschreibt.

Haben wir wirklich keine Gefühle?

Ein solches Label für ethisch vertretbaren Fleischkonsum kann im Zusammenhang kaum mehr bedeuten als dem eigenen Gewissen einen Anstrich der Vertretbarkeit zu verpassen. Für die Gewissheit, dass die Tiere es ja gut hatten. Damit es ok ist, sich die Kuh, die auf dem Bauernhof Helene genannt wurde, ohne nähere Kenntnis der Umstände ihrer Tötung einzuverleiben.

Damit wird ein fehlerhafter Aktionismus betrieben, bei dem die Maxime „Wir haben doch etwas getan“ mitschwingt, ohne tatsächlich problematischen Ursachen entgegenzuwirken. Statt der Bildung zum Thema und einhergehender Diskussion Tür und Tor zu öffnen, wird das Scheunentor vernagelt und der Punkt als bearbeitet abgehakt.

Die Strategie, hier den tatsächlichen Handlungsbedarf durch vermeintlich wohlwollende Etiketten zu vernebeln, ist all zu leicht durchschaubar und kaum ernst zu nehmen. Wie, so frage ich mich, wie erklären Menschen, die mit dieser Methodik arbeiten, diese Zusammenhänge den eigenen Kindern?

Der vollständige Artikel von Andrea Maestro, auf den sich dieser Teil des Kommentars bezieht:
https://www.taz.de/Ethisch-vertretbarer-Fleischkonsum/!5579609/

Ergänzend der Blick über unsere Grenzen hinaus*: https://www.bento.de/nachhaltigkeit/tierschutz-britisches-parlament-will-tieren-kein-empfinden-zustehen-a-00000000-0003-0001-0000-000001869869

Teil 2: The end of the internet as we know it.

Ein Gespenst macht die Runde, das keines ist. Artikel 13, der aktuell kontrovers diskutierte Upload-Filter für Inhalte von urheberrechtlicher Relevanz, verunsichert Nutzer*innen weltweit.

Urheberinnen und Urheber verdienen es, für die Herstellung z.B. eines Werks genannt und an möglichen Einnahmen zum Werk beteiligt zu werden. Darüber hinaus sind weitere Verwendungen des Werks oder Teilen davon mit den Urhebenden zu besprechen, ehe man das darf. Leuchtet ein, denke ich. Wenn ich ein Gedicht schreibe, soll die Welt auch wissen, wer es sich ausgedacht hat.

Wie versessen man nun auf eine Beteiligung an möglichen Einnahmen, gerade bei grenzwertigen Ähnlichkeiten, ausgerichtet ist, entscheidet wohl ein/e jede/r für sich. Wie drastisch man dem nachgehen sollte, ist ebenfalls eine Frage der Befindlichkeiten. Wo man sich jedoch einig sein sollte, ist ein differenziertes Vorgehen zu betreiben, das allen Beteiligten möglichst gerecht wird.

Ob das nun Urheber*innen, Nutzer*innen der Inhalte oder Tätige bei Rechteverwertenden und weiteren Einrichtungen sind. Doch der im Rahmen von Artikel 13 vorgesehene Filter erfüllt nach aktuellem Stand genau dieses Kriterium nicht. Er teilt unverhältnismäßig auf, wer künftig womit was machen darf oder können soll und so davon profitiert. Er bevorteilt die Major Player der Branche weit über alles Maß hinaus.

Die Schwarzmalerei, welche Einschnitte uns bevorstehen, wenn dieser Artikel 13 sich im Netz auswirkt, ist Ernst zu nehmen. Wie beim Beispiel mit dem Tierwohl-Label ist auch Artikel 13 eine Mogelpackung, die keine Problemursachen angeht und auf Lösungen abzielt. Es ist vielmehr eine trügerische Verpackung, deren Inhalt nicht zur Aufschrift passt.

Diesen Lug und Trug dürfen wir uns nicht als praxisnah darstellbare Handlungsansätze verkaufen lassen, welche zielführend seien und uns damit begnügen. Dagegen ist entschieden zu protestieren, denn das Tierwohl-Label hilft weder dem Tier noch den Tierschützer*innen wirklich weiter und bei dem Upload-Filter hat außer Großfirmen kaum jemand wirklich etwas zu gewinnen – aber dennoch viel zu verlieren.

Der vollständige Artikel von Joe McNamee, auf den sich dieser Teil des Kommentars bezieht:
https://netzpolitik.org/2019/ist-artikel-13-wirklich-das-ende-des-freien-internets/

Ein Kommentar aus von Frank Ramson aus der Reihe Immer wieder sonntags zum Tierwohl-Label und Artikel 13, 24.03.2019.