Eine neue Zeit des Gewissens

Es ist für sich genommen skandalös, mit welcher Häufigkeit Verbraucherinnen und Verbraucher von Skandalen rund um die Herstellung von Lebensmitteln, Hygieneartikeln und weiteren Produkten geschockt und gedemütigt werden. Ob es sich um Gammelfleisch, um mit Plastikteilchen versetzten Joghurt oder schädliche Lotionen und Deodorants handelte, machte in der Betrachtung manchmal kaum einen Unterschied. Mit welcher Sorglosigkeit, Fahrlässigkeit oder mit welchem Vorsatz hier gehandelt wurde, ist zu erahnen und doch schwer zu begreifen. Wie drastisch hier Verfehlungen zugunsten von Profiten, Wachstum und Rendite neue Höhen erreichen, ist um so mehr erschreckend. Ob hier in Deutschland oder anderswo.

Man erkennt es gut am Beispiel des neuerlichen Skandals um das Unternehmen Johnson & Johnson in den USA. Wie die Nachrichtenagentur Reuters angibt, wurde bei der Herstellung von Babypuder während der Jahre 1971 bis Anfang der 2000er wohl wissentlich die Beimischung von Talkum in Kauf genommen, welches Anteile von Asbest enthalten haben soll. Die Verantwortlichen sollen darüber informiert gewesen sein, haben sich allerdings gegen mögliche Änderungsmaßnahmen entschieden. Heute blickt J & J in Anbetracht der Bekanntmachung durch Reuters auf einen Aktieneinbruch von 10 % an der New Yorker Börse (Quelle vom 14.12.18), der Börsenwert des Unternehmens sank zeitweise um bis zu 45 Milliarden Dollar.

Den schlimmsten aller Schäden erleiden jedoch jene Mütter und Babys, die nun klagen, nachdem sie mit dem krebserregenden Puder in Kontakt kamen und erkrankten. Anhand der Details lässt sich kaum in Worte fassen, welches abscheuliche und menschenverachtende Denken und Handeln jene Verantwortlichen angetrieben haben soll, den Wert der Gesundheit der eigenen Kundschaft so gering zu schätzen und vorsätzlich Krankheiten bis hin zum Tode zugunsten einer höheren, wirtschaftlichen Ausbeute und Marktmacht in Kauf zu nehmen. Welche charakterlichen Abgründe sich hier auftun, ist derart widerlich, dass es nur angemessen sein kann, sich für eine neue Zeit des Gewissens einzusetzen. Ob in Deutschland oder anderswo.

Eine Zeit des Gewissens, in der Inhaberinnen und Inhabern, Vorständen und Geschäftsführenden bei der Herstellung und Produktion von Gütern das Wohl der Arbeitenden genauso wichtig sein soll wie jenes der Kundinnen und Kunden. Ebenso die Umweltbedingungen, die zur Herstellung nötig sind und die Bemessung, was dieses Produkt am Markt kosten kann und darf. Und niemals zuletzt, welchen qualitativen Standard es erfüllen muss. Ein Ist-Zustand, in dem auf Kosten der Gesundheit unserer Mütter und Babys wie im genannten Beispiel dreckiges Spiel zugunsten der Profite Einzelner getrieben wird, ist nicht hinnehmbar. Wer so etwas fördert, hat jeden Anstand, jede Menschlichkeit, jeden gesunden Menschenverstand weit hinter sich gelassen.

So ist für das neue Jahr, für die Zukunft und nicht nur für die Menschen in Deutschland zu wünschen, dass exemplarische Strafen für Verfehlungen wie diese hier aufgeführten zusammen mit aufklärender Arbeit zu einer Verbesserung solcher unsäglicher Zustände führen und Menschen der Verleitung zukünftig um so mehr widerstehen, solche Taten auszuführen oder geschehen zu lassen. Egal wo, egal wann – es ist keinem Menschen zu wünschen, sein Produktvertrauen auf die eine oder andere Art mit seiner Gesundheit oder seinem Leben zu bezahlen. Wir kämpfen mit unseren Möglichkeiten für den Respekt und die Anerkennung von Mensch, Umwelt und von Werten, die nicht zugunsten von Profiten und Marktzuwachs verkannt werden dürfen. Für eine neue Zeit des Gewissens.

Ein Kommentar von Frank Ramson aus der Reihe Immer wieder sonntags zu Herstellerskandalen und Produktvertrauen.

in Bezug auf / Quelle: reuters.com/…/special-report/johnsonandjohnson-cancer/