Das regelt der Markt

Eine Faustregel macht dieser Tage immer wieder die Runde. Wenn es um unliebsame Themen wie die Knappheit bezahlbarer Wohnungen für Geringvermögende geht, werden manchen Menschen die Worte knapp. Will sich der zuständige Amtsträger an Themen mit so hohem Reizpotential nicht die Finger verbrennen, stiehlt er sich aus der Verantwortung mit Phrasen wie: das regelt der Markt!

Haben Sie sich schon einmal auf den Markt verlassen, als Sie eine Anfrage für eine Mietwohnung abgeschickt haben? Wenn ja, dann will man Ihnen nur wünschen, dass der Markt darauf positiv geantwortet hat. Denn auch wenn man darauf hoffen mag, dass sich hinter diesem gesichts- und namenlosen Neutrum ein mit Verständnis und Umsicht wirkender Mensch befindet, der alsbald antwortet, versickern diese Anliegen doch oft genug in den namenlosen Weiten jenes Marktes.

Passiert dies, wird denen, die dringend günstigen Wohnraum benötigen, schnell der finanzielle Atem knapp. Hier teilt sich die Masse der Suchenden in die, denen das Jobcenter oder das Sozialamt noch mögliche Optionen bieten, wenn denn welche auf dem Markt vorhanden sind. Und in jene, die mehr oder weniger knapp über der Bemessungsgrenze für Leistungen liegen, also die gerade eben zu viel verdienen, um Ansprüche auf Unterstützung von diesen Ämtern zu haben.

In beiden Ausgangslagen ist die vorliegende Situation deprimierend und unsäglich. Denn wer sind wir, die Menschen in einem der reichsten Länder der Erde, wenn wir unseren Ärmsten und wirtschaftlich Schwächsten nur einen abgewetzten Schuhkarton im zwölften Stock oder gar die Notunterkunft oder das Obdachlosenasyl anbieten, obwohl es bei weitem zu mehr für alle reicht. Reichen muss und auch reichen kann, wenn die Bereitschaft dazu auch wirklich vorhanden ist.

Jene, die Wohneigentum verwalten und vermieten und natürlich die Wirkenden in der Politik sind hier gefordert, Verantwortung zu übernehmen und die wirtschaftlich Schwachen zu stärken. Tun sie das nicht, wird auch dadurch die soziale Spaltung weiter zunehmen und irgendwann kaum mehr jemand übrig bleiben, an dem sich auf dem Markt etwas verdienen lässt. Verknüpft mit der Gewissheit, wer es zugunsten kurzfristiger Profite mitverursacht hat, anstatt es zu verhindern.

Wenn hier Gerechtigkeit erneut Einzug halten soll, sind die Betrachtung und Handlungsbereitschaft nicht mehr nur auf die Bedürfnisse der Märkte auszurichten, sondern viel mehr auf die Bedürfnisse der Menschen.

Ein Kommentar von Frank Ramson aus der Reihe „Immer wieder sonntags“ zur Wohnsituation in unserer Gesellschaft, 09.09.18.