Ein Pfand für alle

26. August 2018

Diese Geschichte handelt von Eva. Erzählt wird aus dem Leben einer Frau, die auch Helga oder Karen heißen könnte. Als ich sie erstmals sah, saß sie im Eckbereich der Terrasse eines Kaffeehauses. Fein gemacht in heller Bluse und grauem Rock, aß Eva ihren Apfelkuchen mit Sahne und trank Kaffee mit Milch und zwei Stück Zucker. Ihrer Nachbarin am Nebentisch erzählte sie gerade, dass sie trotz stolzer 64 Lebensjahre noch immer einen besseren Job mache als diese jungen Dinger, die eines Tages in ihrem Büro schalten und walten würden. Während sie sprach, rümpfte sie die Nase und legte die Stirn in Falten. So verliefen sie meist, die Gespräche an ihrem Tisch. Auch wenn die Tischnachbarin weitaus seltener in diesem Café verweilte als es Eva tat.

Zwischendurch schweifte man ab, verlor sich in Gedanken und betrachtete die Menschen. Manche schlenderten bummelnd umher, andere wirkten eher gehetzt. Eva beobachtete schließlich eine Frau in ihrem eigenen Alter, die einen Einkaufstrolli hinter sich her zog und gemächlichen Schrittes die Einkaufsstraße passierte. Beim Anblick der abgetragenen, grauen Strickjacke und der ausgeblichenen Hose der Frau mit dem Trolli wandte Eva den Blick harsch wieder ab. Ein paar Sekunden später sah sie aus dem Augenwinkel, dass die Hand der Frau mit dem Trolli in einem öffentlichen Abfallbehälter verschwand. Momente darauf kam eine leere Plastikflasche zum Vorschein, nach jener die Hand gegriffen und sie aus dem Müllbehälter geborgen hatte.

Da brach die Abscheu aus Eva heraus. Sie sprach im erzürnten Ton vom schamlosen Herumwühlen im Abfall anderer Leute, was manche wohl als ganz normal empfänden. Von der Inkompetenz dieser Betreffenden, da sie nicht mit Geld umgehen könnten. Und nicht zuletzt von mangelndem Anstand und davon, nach außen hin doch bitte stets das Bild zu wahren. Es seien eben doch nicht alle Menschen gleich – manche Menschen wären doch gleicher als andere. Ihre Tischnachbarin lauschte der Tirade von Eva, ohne sie direkt anzusehen. Erwidert hatte sie nichts. Die Frau mit dem Trolli zog derweil weiter und verschwand behäbigen Schrittes hinter einer Häuserecke. Bald ging auch die Tischnachbarin und es dauerte einige Wochen, bis Eva sie wieder im Kaffeehaus antraf.

So vergingen die Tage. Eva wurde bald in den Vorruhestand verabschiedet, obwohl sie selbst es von allen Beteiligten am wenigsten wollte. Nun hatte sie viel Zeit, auch in Kaffeehäusern andernorts die ausgelegten Zeitungen zu studieren und nebenher die Menschen um sie herum zu beobachten. Da fiel ihr auf, dass die Beobachtung zu der Frau mit dem Trolli keiner Seltenheit entsprach. Viele Männer und Frauen aus ihrer Generation sammelten Pfand, suchten die Ausgabefächer für Münzen von Automaten an Bahnhöfen mit den Fingern ab oder waren sich selbst des offenen Bettelns nicht zu schade. Als Eva in einem auswärtigen Café eine Gruppe Männer und Frauen beobachtete, die orangene Westen trugen und mit Greifgeräten Abfälle sammelten, stockte ihr der Atem.

Am Nachbartisch rief einer spöttisch laut aus, da käme die Ein-Euro-Job-Karawane. Inmitten dieser Gruppe erkannte Eva die Tischnachbarin aus ihrer Gemeinde. Sie schluckte und ihr verging der Appetit auf Apfelkuchen mit Sahne. Sie begann, sich zu fragen, ob sie es sich mit manchem Urteil nicht zu leicht gemacht, die Dinge zu oberflächlich betrachtet hätte. Und ob ihre Tischnachbarin aus der Gemeinde sich den Besuch im Café vielleicht nur ein Mal im Monat leisten könnte. Wie gefühllos, so fern jeden Respekts und abscheulich es von Eva gewesen sei, sich derart abwertend über andere, ihr fremde Menschen zu äußern. Von nun an würde Eva anders über jene Menschen und ihre Nöte denken und sie spürte das dringende Bedürfnis, sich zu entschuldigen.

Ein Kommentar von Frank Ramson aus der Reihe „Immer wieder sonntags“ zu Armut, Demut und Scham in unserer Gesellschaft.