Das Recht auf Medizin und Rausch

Heinz ist ein guter Nachbar. Er grüßt stets freundlich, ist immer hilfsbereit und er überrascht seine Nachbarn gerne mit erfreulichen Kleinigkeiten. Mal bringt er Tomaten oder Gurken aus dem eigenen Gewächshaus vorbei, mal bietet er an, die Nachbarn zum Arzt oder zum Einkaufen zu fahren. Er ist ein lieber und großzügiger Mann, der Heinz.

Was die wenigsten Menschen über ihn wissen, erzählt Heinz auch nicht so gern. Mit dem Gewächshaus hat es schon seinen Sinn, denn das Geld ist bei Heinz sehr knapp. Ebenso überschaubar sieht es mit dem Treibstoff für sein Auto aus, den Heinz sich nur zum Monatsbeginn leisten kann. Erwähnen tut er das aber nur, wenn es sich gar nicht vermeiden lässt.

Zum Beispiel, wenn der Sprit alle ist und Heinz selbst zum Arzt muss. Wegen gesundheitlicher Beschwerden kann er nicht mehr der Erwerbstätigkeit nachgehen, die ihm vormals finanzielle Unabhängigkeit geboten hatte. Laufen oder gehen bedeutet für ihn stets eine große Anstrengung, die mit sehr unangenehmen Schmerzen verbunden ist.

Zur Linderung hat Heinz eine Palette chemischer Präparate rauf und runter verschrieben bekommen, doch den gewünschten Effekt brachte ihm bisher nur eine kleine, tägliche Dosis eines Gemischs, das man als Morphium kennt. Lieber würde Heinz sich von pflanzlichen Stoffen helfen lassen, es zumindest mal gezielt ausprobieren und dabei auch die Nebenwirkungen beobachten. Die Chemie, so sagt er, mache ihn völlig fertig.

Doch das Produkt seiner Wahl steht ihm nicht zur Verfügung, ohne sich bei der Beschaffung und mit dem Besitz strafbar zu machen. Eine Qualitätskontrolle fehlt ihm dabei ebenso wie ein toleranter Mensch aus der Ärzteschaft, der sich seiner Beschwerden und seinem Wunsch nach dem seiner Meinung nach interessantesten Präparat annimmt, welches er gern mal legal ausprobieren würde.

Heinz hat von der Wirksamkeit von Produkten gehört und gelesen, die auf Basis von Cannabis hergestellt werden. Die Erfahrungsberichte von anderen Benutzer*innen haben ihn neugierig gemacht. Als er sich über den schlechten Ruf von Cannabis hinaus weiter informierte, sank die Schwelle seiner Vorbehalte. Als erwachsener, gesundheitlich belasteter Mensch fühlt er sich viel zu sehr bevormundet.

Die positiven Rückmeldungen zu Erfolgen aus der Behandlung von Menschen mit schwierigen, schmerzhaften, oft chronischen Erkrankungen sprechen für sich. Die Warnungen ideologischer Gegner von Cannabis hat er im Vergleich zu Risiken von Alkohol und Tabak für sich als Wirtschaftspropagandaa entlarvt, die konservative Kräfte verbissen streuen und zugleich Alkohol verharmlosen und verherrlichen.

Die Argumente kritischer Stimmen sind für Heinz heute nur noch Meinungsbilder, die der Alkohol-Lobby nach dem Mund reden und wo man gerne medienwirksam Bierkrüge in die Kameras hält. Ob diese Stimmen einen Doktortitel oder gar einen Posten im Bund als Grundlage ihrer Expertise anführen, ist Heinz reichlich egal. Die Verbote aufgrund einer konservativen Ideologie hat er dennoch durchschaut.

Damit hat er für sich erkannt, welche politische Kraft in Deutschland tatsächlich eine Verbotspartei ist, obwohl diese gern andere bezichtigt, genau das zu sein. Wer ihm als letzte Bastion die Linderung seiner Leiden verwehrt, obwohl man den eigenen, christlichen Anstrich stets betont. Und wer weiß, vielleicht würde Heinz den Rausch von THC gar besser genießen können als den, der ihn beim von ihm wenig geschätzten Alkohol erwartet.

Heinz will seine eigene, mündige Entscheidung treffen und legal Cannabis ausprobieren, das auf die Qualität kontrolliert wurde. Er möchte dafür nicht hunderte Kilometer dahin reisen, wo man ihm ein Rezept schreibt. Erstaunlich ist, dass die Bundesrepublik hier anderen Staaten weit hinterherhinkt und sich kaum Protest regt, etwas daran zu ändern.

Heinz selbst würde jetzt wohl hinsichtlich der Abgabe an Erwachsene in eigenen Worten kurz und knapp sagen: Gebt das Hanf frei!

Ein Kommentar von Frank Ramson vom 10.02.19 zum BtMG, gewidmet einem lieben und gesundheitlich zu bedauernden älteren Herren.