Debatte

„Cancel Culture“ gibt’s nicht – warum Rechte gerne Opfer spielen

Von Wahab Bajwa aus Elmshorn

Stell dir vor: Jemand sagt etwas Rassistisches, Sexistisches oder Hetzerisches – und plötzlich regt sich Kritik. Die Folge? Ein Aufschrei, vielleicht Boykottaufrufe oder ein Shitstorm. Schnell heißt es dann: „Das ist doch Cancel Culture! Man darf ja nichts mehr sagen!“ Aber mal ehrlich: Ist das wirklich Unterdrückung – oder einfach nur die Konsequenz für scheiß Aussagen?  

Fakt ist: Der Begriff „Cancel Culture“ wird vor allem von Rechten und Konservativen benutzt, um jede Form von Kritik als Angriff auf die Meinungsfreiheit zu framen. Dabei geht es ihnen nicht um „Redefreiheit“, sondern darum, sich als arme Opfer zu inszenieren, während sie selbst Macht und Einfluss behalten. Zeit, diesen Mythos auseinanderzunehmen.  

1. Kritik ≠ Cancel Culture – das ist Meinungsfreiheit
Klar, niemand mag es, kritisiert zu werden. Aber wenn eine Politikerin rassistische Witze macht oder ein Influencer Hetze verbreitet, ist Gegenrede kein „Cancelversuch“. Sondern genau das, was Meinungsfreiheit ausmacht: Menschen widersprechen, weil sie diskriminierende Positionen nicht unwidersprochen lassen wollen.  

Der Politikwissenschaftler Mark Fisher hat das schon 2013 klargestellt: Viele Mächtige tun Kritik gerne als „persönlichen Angriff“ ab, statt sich mit den Vorwürfen auseinanderzusetzen. Statt zuzuhören, lamentieren sie lieber über angebliche „Zensur“ – während marginalisierte Gruppen weiterhin echte Diskriminierung erleben.  

2. Rechte heulen wie Wölfe – aber sie sind keine Opfer
Schau dir an, wer sich permanent über „Cancel Culture“ beschwert: Donald Trump, Elon Musk, AfD-Politiker:innen. Die haben alle eins gemeinsam: Sie haben riesige Plattformen, Millionen Follower und sitzen regelmäßig in Talkshows. Trump postet ungefiltert auf seiner eigenen Social-Media-App, Musk kauft sich Twitter – aber angeblich werden sie „zum Schweigen gebracht“? Komisch, oder?  

Eine Studie des Institute for Strategic Dialogue zeigt: Der Begriff wird gezielt von Rechten genutzt, um sich als Opfer zu präsentieren. Das Ziel? Kritik an ihren rassistischen, sexistischen oder transfeindlichen Äußerungen als „übertrieben“ darzustellen. So tun sie so, als wäre ihr Problem nicht ihr Hass, sondern der „böse woke Mob“.  

3. Echte Repression trifft Linke – nicht Rechte
Während Konservative über „Cancel Culture“ wehklagen, passiert das hier in der Realität: Klimaaktivist:innen wie Luisa Neubauer kriegen Morddrohungen. Journalist:innen wie Emily Wilder verlieren ihren Job, weil rechte Medien Hetzkampagnen gegen sie starten. Linke Initiativen werden überwacht, während rechte Netzwerke ungestört agieren.  

In Deutschland hetzen Springer-Medien regelmäßig gegen linke Politiker:innen oder Aktivist:innen. Gleichzeitig murren AfD-Politiker:innen über „Meinungsdiktatur“ – und stehen trotzdem im Bundestag, im Fernsehen, in der Zeitung. Die Doppelmoral könnte nicht offensichtlicher sein.  

4. Der Trick: Ablenken von den echten Problemen
Warum wird der „Cancel Culture“-Mythos so gepusht? Ganz einfach: Er lenkt ab. Statt über Rassismus, Klimakrise oder soziale Ungleichheit zu reden, diskutieren wir darüber, ob ein Comedian „gecancelt“ wurde, weil er rassistische Klischees bedient.  

Die Soziologin Francesca Sobande nennt das eine „Ablenkungsstrategie“. Rechte und ihre millionenschweren Medien tun so, als wäre „Cancel Culture“ das größte Problem – während sie selbst Gesetze gegen Proteste durchboxen, Arbeiterrechte abbauen und Klimaschutz blockieren.  

Schluss mit dem Märchen vom „woken Cancelmob“
„Cancel Culture“ ist ein rechter Propaganda-Begriff, um Kritik mundtot zu machen. Es geht nicht darum, „Meinungsfreiheit“ zu schützen, sondern darum, Macht zu sichern. Denn wer ständig behauptet, „man dürfe nichts mehr sagen“, will meistens eins: ungestört weiter hetzen, lügen und unterdrücken.  

Echte Meinungsfreiheit heißt auch, dass Menschen widersprechen dürfen – und dass Mächtige nicht immun gegen Kritik sind. Also: Lasst euch nicht verarschen. Wenn jemand das nächste Mal über „Cancel Culture“ jammert, fragt doch mal zurück: „Meinst du damit einfach nur, dass Leute deine scheiß Ideen nicht mehr cool finden?“  

Quellen: 

Mark Fisher („Exiting the Vampire Castle“)
Institute for Strategic Dialogue
Francesca Sobande („The Myth of Cancel Culture“)
Medienberichte zu Emily Wilder und Luisa Neubauer.
Foto: Die Antifa hat im Wahlkampf den AFD-Stand in Pinneberg blockiert, Ist das schon ein Grund, sich zum Opfer zu erklären? / Präger