Wo Gestaltende gefordert sind

Marina hat zwei kleine Kinder. Sie ist 27 Jahre alt, seit einigen Monaten in Deutschland zuhause und kam ohne Mann, ohne Zeugnis und ohne Perspektive auf einen Job aus einem Nicht-EU-Land hierher. Sie spricht und versteht kaum die Landessprache, ihren Kindern kann sie daher nur die Muttersprache beibringen. Marina sucht nach Wegen zu einer guten, gesellschaftlichen Integration.

Die Hürde, die ihr vor allen anderen immer wieder begegnet, ist Geld. Ob es dabei um die Lebensmittel, die Ausstattung der Wohnung oder die Kleidung ihrer Kinder geht, ist zweitrangig. An allen Ecken und Enden reicht es nur fast zum Nötigsten. Trotz der Unterstützung durch Ämter, die Vermittlung in Grundbausteinkursen und der Hilfe eines lokalen Fördervereins merkt sie, es geht kaum voran. Zu eng sitzt das Korsett der Kosten, zu gering ist der Spielraum an Budget und somit scheiden viele Möglichkeiten aus, sich individuell unterstützen zu lassen.

Gerne würde sie mehr an der Sprache arbeiten und nebenher auch an ihrer Gesundheit. Immer wieder hat sie mit Belastungsstörungen zu kämpfen und hadert mit ihrer Konzentrationsschwäche. Ihre Frustrationstoleranz müsste schon der Kinder wegen aufgearbeitet werden, von den Ursachen ihrer Migräne will sie gar nicht erst anfangen. Doch für das jüngere Kind sieht es in Ermangelung lokaler Kapazitäten schlecht aus mit dem Kita-Platz. Der Ältere benötigt täglich Hilfe, die schon beinah dem Format der Ganztagsbetreuung gleicht. All das deckt Marina nach Kräften ab.

Freunde hat sie keine, denn die Umgebung bleibt neu und fremd, da die Integration schwer fällt. Einige Verwandte hat sie schon, jedoch leben diese nicht in diesem Land. Neben der mangelnden Unterstützung bei der Bewältigung täglicher Aufgaben fehlt Marina außerdem eine Schulter zum Anlehnen und ein paar Ohren, die ihr mit einer erwachsenen Geisteshaltung zuhören. Sie betet und wünscht sich, ihre Hoffnungen würden erhört.

Dabei erhofft sie sich Gottes Wink an die Kräfte der Politik, sie zu unterstützen. Doch vielleicht ist dafür gar keine überirdische Kraft vonnöten. Viel mehr sollte es Teil des Grund- und Selbstverständnisses sein, als aktiv wirkende und gestaltende Kraft in der Politik über ein Gefühl und ein Auge für Menschen zu verfügen, diese Dinge zu erkennen und zu verstehen. Diese Entwicklungen zu analysieren und im positiven Sinne zugunsten unserer Gesellschaft zu beeinflussen. Den Dingen vorauszuwirken und nicht erst dann hinterherzulaufen, wenn der Schaden bereits tief geht und große Anstrengungen notwendig sind, ihn wieder zu beheben. Denn Ausbaden muss es sonst am Ende die Bevölkerung.

Wir müssen unserer Aufgabe der gestalterischen Verpflichtung zugunsten aller Menschen in Kreis, Land und Bund mit Bedacht, Obacht und doch zugleich mit Handlungsstärke begegnen, um uns für die Herausforderungen der Zukunft angemessen vorzubereiten und jenen, die von diesen Strukturen profitieren, den Zugang so einfach wie möglich zu eröffnen. Dafür lohnt es sich immer, am eigenen Tellerrand vorbei zu schauen, wo Handlungsbedarf besteht und wie man diesen effektiv und nachhaltig mit effizienten Lösungen bedient. Wir werden uns stets dieser Herausforderung stellen!

Ein Kommentar von Frank Ramson aus der Reihe „Immer wieder sonntags“ zu sozialen Handlungsbedarfen, 04.11.18.