Ausschnitte aus der Rede von Diakon Guido Nowak, Pfarrei Heiliger Martin, Pinneberg
Die Initiative 8. Mai bemüht sich seit 2022, das Gedenken an den „Tag der Befreiung“ in unserer Stadt wach zu halten. Sie ist in Pinneberg neben der Mahnmal-Initiative und vielen anderen Vereinen und Initiativen im Kreis Teil der sogenannten Gedenk- oder Erinnerungskultur.
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Diese „Gedenkkultur“, konkret in Form des Erinnerns an die Verbrechen des Nationalsozialis-mus in der Zeit von 1933 bis 1945, wird von vielen Menschen in Frage gestellt. Nach einer ak-tuellen repräsentativen Umfrage im Auftrag der Zeit „wünscht sich mehr als die Hälfte der Deut-schen, dass ein Schlussstrich unter die NS-Vergangenheit gezogen wird, von AfD-Wählern sind es 90%. 28% der Befragten sind der Meinung, die Zeit des Nationalsozialismus werde „viel zu einseitig und negativ dargestellt – sie hätte auch ihre guten Seiten“ (publik-forum 7/2025, Seite 31)
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Die Verbrechen des Nationalsozialismus wurden nach dem Krieg von der Mehrheitsge-sellschaft, zunächst im bundesrepublikanischen Teil Deutschlands, später dann auch im Teil der DDR, nicht erinnert, sondern verdrängt. Meine Eltern, die 1930 und 1932 geboren wurden, waren nicht in der Lage über ihre Jugend im Nationalsozialismus und Krieg zu sprechen. Sie weigerten sich sogar, ihren heranwachsenden Kindern etwas zu erzählen.
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Ohne GE-DENKEN werden die von jeder Art von Diktaturen und Autokratien verfolgten Menschen im Laufe der Geschichte ein zweites Mal Opfer, weil sie und ihr Leid vergessen werden, vergessen werden sollen. Also über die Zeit des Nationalsozialismus hinaus.
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Esther Bejarano, die im Jahre 2021 verstorbene Hamburger Zeitzeugin, erklärte zeitlebens, die Befreiung der Menschheit vom Nationalsozialismus sei zu feiern, „um über die großen Hoffnungen der Menschheit nachzudenken, über Freiheit, Gleichheit, Geschwisterlichkeit“. Wir dürfen in diese Aufzählung das Wort „Frieden“ mitbuchstabieren. Das ist das Zeugnis der Überlebenden des Holocaust.
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Schauen wir uns die Realpolitik der letzten Tage in der Bundesrepublik an! Es braucht vielmehr, viel mehr (!) politische Menschen, die sich unabhängig von der so viel gepriesenen „demokratischen Mitte“, womit nur die Mitte der Parteilandschaft gemeint wird, für Menschen-rechte und Demokratie einsetzen. Das ist Bürger’innen-Pflicht, genauso wie der Widerstand, wenn Kultur einfach so abgewickelt werden soll, wie es gerade in den USA geschieht.
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Oder auch in Deutschland, wenn ein Kanzlerkandidat zahlreichen Menschenrechte einfordernden NGO’s, wie den „Omas gegen Rechts“, ihre Gemeinnützigkeit aberkennen will. Ohne sie und allen Menschen, die ab den 1980ger Jahren ihre private Zeit hergegeben haben, nach Stätten der Verfolgung zu forschen, Initiativen zu gründen, Zeitzeugen zu befragen, Erinnerung zu wecken, Gedenktafeln zu fordern und eine Kultur des Widerstands gegen das Wegschauen zu entwickeln, gäbe es heute nicht eine einzige KZ-Gedenkstätte.
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BEFREIUNG ist nicht abgeschlossen. Das Wort drückt ein Geschehen in unserer Zeit, in der Präsenz aus! BEFREIUNG ist ein Geschehen bis in die Gegenwart hinein. „Sei ein Mensch“ ist nicht abgeschlossen. Gedenken ist ein Akt des Widerstands.
