80 Jahre nach der Selbstbefreiung
Für Elmshorner*innen bedeutet Erinnerung sich antifaschistisch bewegen
Von Karin Kunkel, Elmshorn
Samstags 5 Minuten vor Zwölf – die Glocken der Nikolaikirche läuten und an den Balkonbrüstungen des Turms hängen weiße Flaggen – dann erinnern Elmshorner Antifaschistinnen und Antifaschisten an die Selbstbefreiung ihrer Stadt. Diese Tradition wurde vor 30 Jahren durch den Antifaschistischen Trägerkreis, einem sehr breiten Personenbündnis auf den Weg gebracht. Seit vielen Jahren organisiert die VVN-BdA die Aktivitäten zum Gedenken an den Selbstbefreiung. Traditionell werden diese durch eine Kundgebung eingeleitet und mit einem Antifaschistischen Stadtrundgang an Orte, die an Widerstand, Verfolgung und Täter erinnern, fortgesetzt. Seit 2022 gibt es parallel zum Rundgang eine erweiterte Runde mit dem Fahrrad. Den Abschluss bildet dann eine gemeinsame Kundgebung und Kranzniederlegung am Denkmal für die ermordeten Elmshorner Widerstandskämpfer. 12 Namen sind auf diesem Stein verzeichnet. Menschen, die im KZ oder Zuchthaus ermordet wurden bzw. die an Krankheiten oder vor Hunger entkräftet verstorben sind. Zwei von ihnen fielen im Kampf zur Verteidigung der Spanischen Republik. Reinhold Jürgensen, KPD-Reichstagsabgeordneter aus Elmshorn, wurde bereits kurz nach seiner Verhaftung am 20. Dezember 1934 ermordet. Auf dem Platz der seinen Namen trägt, steht auf einem Denkmal: „Die Freiheit lebt“. Trotz hundertfacher Verhaftungen und Verurteilungen lebte die „Freiheit“, lebte der Widerstandswille, weiter.
Schon im Dezember 1944 trafen sich Sozialdemokraten, Kommunisten und Gewerkschafter zu illegalen Treffen, um über das Nachher nachzudenken. Der Sozialdemokrat Erich Arp legte die Gedanken zur antifaschistisch-demokatischen Neuordnung schriftlich nieder. Nach der Kapitulation Hamburg plante die Faschisten eine neue Hauptkampflinie durch Elmshorn. Der gerade gegründete Antifaschistische Ausschuss rief mit Flugblättern zu einer Aktion weiße Flaggen auf. Noch am 3. Mai 1945 wollten SS-Streifen durch Schüsse in die Fenster die Aktion zurück drängen. In der Nacht zu 4. Mai erklommen dann Erich Arp und der Kommunist Arthur Geißler den Turm und hängten weiße Bettlaken an die Balkongeländer. Am 4. Mai um 17 Uhr wurde schließlich ein Schießverbot für alle Truppenteile verhängt. Ein großes Transparent verkündete nunmehr: „Elmshorn ist freie Stadt.“
Auf der feierlichen Abendveranstaltung der Landesvereinigung der VVN-BdA sprach u. a. Dr. Ullrich Schneider, Generalsekretär der FIR (Fédération Internationale des Résistants). Er betonte noch einmal die historische Besonderheit der Selbstbefreiung Elmshorns. Die Vorbildrolle sah er vor allem in der gezeigten Zivilcourage und in der Notwendigkeit des Zusammengehens aller antifaschistischen Kräfte, unabhängig von allen sonstigen weltanschaulichen und politischen Differenzen.
