Das Ende der Scham?

Neulich ging ich in einem Supermarkt einkaufen und stand nach wenigen Minuten mit meinen vier Teilen an der Kasse. Vor mir war nur eine Kundin dran, abkassiert zu werden. Eine ältere Dame mit Einkaufs-Rolli und leicht verwuschelter Frisur, die ihre Geldbörse nicht finden konnte. Es zog sich einen Moment hin, ehe ihr klar wurde, dass sie das Geld zuhause vergessen hatte.

Da überlegte ich nicht lang und bot ihr an, ihre Rechnung zu übernehmen. Ein jüngerer Mann hinter mir bot sich ebenfalls an, sich zu beteiligen. Doch die Dame in ihrem schlichten Aufzug und mit dem recht übersichtlichen Einkauf lehnte dankend ab, ließ den Rolli mit den Waren stehen und ging ihre Geldbörse holen. „Stolz?“, fragte der junge Mann. „Scham?“, entgegnete ich.

Dazu hatte der junge Mann allerdings eine klare Haltung. „Nein, keine Scham. Guck doch mal, was in der Welt abgeht. Die Zeit der Scham ist lange vorbei.“ Von dieser Ansicht war ich erstaunt. „Kann nicht sein“ war der Satz, mit dem ich mich verabschiedete. Beim Schlendern über den Parkplatz vor dem Supermarkt dachte ich weiter darüber nach. Meinte er das ernst?

Schaut man sich die Welt mal an und auch das, was in dieser Welt abgeht, dann war das wohl sein Ernst. Seine Sicht auf den Lauf der Dinge und den Realzustand. Dennoch wage ich mich zu einer sehr nachdrücklichen Gegenthese, denn wenn die Zeit der Scham wirklich jemals vorbei wäre, würden sich die Verhältnisse heute nicht als jene zeigen, die sie sind?

Es mag sein, dass einem Teil der Menschen, den Gesellschaften oder einzelnen Gruppen die Scham abhanden gekommen ist. Das ist sogar schwer zu übersehen. Um so mehr eine Denk- und Redensart bestimmte Gruppen von Menschen in Güteklassen unterteilt, bestimmte Werte oder Fähigkeiten aufgrund von Herkunft und Abstammung unterstellt oder abspricht. Wer des anderen Menschen „Wert“ deutet…

Ebenso bei der Ausbeutung der Körper und Seelen anderer Menschen, der Ausbeutung von Tieren und der Umwelt. Bei kleinen Dingen fängt es an. Doch die universelle Schlussfolgerung, die Zeit der Scham sei vorüber, ist dennoch grundfalsch. Die Scham kommt nicht daher ohne die Moral, die bestenfalls auch die ungekünstelte Integrität, die Ehre und den Anstand im Gepäck hat.

Wo Menschen miteinander und nicht gegeneinander leben, agieren und vorankommen wollen, da haben all diese Dinge einen hohen Wert. Je näher der Mensch einst aufgrund von Bedürfnissen und Interessen am anderen Menschen lebte, um so klarer war es uns auch. Die in Mode gekommene Plumpheit oder das Verrohen hinter Bildschirmen können und werden uns das nicht wegnehmen.

Smart zugunsten vieler Menschen handeln, sich Mühe geben, mitfühlen und sich engagieren wird niemals bedeutungslos. Ebenso die Scham durch moralisch schmerzliches Versagen. Ob auf zwischenmenschlicher, ethischer oder existentieller Ebene. Durch die Menschlichkeit in unserem Auftritt, unserem Denken, Fühlen und Handeln beeinflussen wir, wie andere uns wahrnehmen.

Wir beeinflussen dadurch, wer wir selbst sind und wer wir selbst sein werden. Jeder Mensch bastelt jeden Tag an seiner Zukunft, seinem Abbild und Vermächtnis. Es ist niemals zu spät anzuerkennen, dass die grundlegenden Werte unserer Menschlichkeit niemals aus der Mode kommen können. Sie sind die Eckpfeiler des Vergangenen und ein Motor der Hoffnung für unsere Zukunft!

Ein Kommentar aus der Reihe Immer wieder sonntags von Frank Ramson zu moralischen Werten in der heutigen Zeit, 19.05.19.